Besitzen, mieten, teilen
„You’ll own nothing, and you’ll be happy“ – kaum ein Satz über die Zukunft hat so viel Streit ausgelöst. Für die einen klingt er nach Freiheit, für die anderen nach Albtraum.
Wir finden: Die eigentliche Frage ist nicht, ob wir Dinge teilen. Sondern wer dabei die Hebel in der Hand hält. Und genau da setzt dinge-leihen.de an.
Woher der Satz kommt
Der Satz geht auf einen Text der dänischen Politikerin Ida Auken zurück. Im November 2016 beschrieb sie für das Weltwirtschaftsforum (WEF) einen Tag im Jahr 2030 in einer Stadt, in der niemand mehr etwas besitzt: Alles wird gemietet, geteilt, geliefert[1]. Das WEF griff die Idee danach in einem kurzen Video mit Zukunftsprognosen auf – Zeile: „You’ll own nothing. And you’ll be happy.“
„Some people have read this blog as my utopia or dream of the future. It is not. It is a scenario showing where we could be heading – for better and for worse.“Ida Auken in einer späteren Anmerkung zu ihrem Text [2]
Spätestens ab 2020, als das WEF seine Initiative „Great Reset“ vorstellte, wurde der Satz zum Meme – und zur Grundlage von Verschwörungserzählungen, nach denen eine Elite den Menschen ihren Besitz wegnehmen wolle[4]. Faktenchecks haben das mehrfach widerlegt: Es gibt keinen solchen Plan, und Klaus Schwab hat den Satz auch nie gesagt[3].
Ein Gedankenexperiment, kein Masterplan also. Trotzdem trifft der Satz einen Nerv. Und das hat einen Grund.
Die Frage dahinter ist echt
Immer mehr Dinge, die wir zu besitzen glauben, gehören uns nur auf Zeit – und zu Bedingungen, die andere festlegen. Ein paar Beispiele aus den letzten Jahren:
Die Sitzheizung im Abo
2022 bot BMW in einigen Märkten die schon eingebaute Sitzheizung gegen Monatsgebühr an, etwa 17 Euro im Monat. Nach viel Kritik beendete der Hersteller das Abo 2023 in Europa wieder – Kunden hätten das Gefühl gehabt, doppelt zu zahlen[5].
Gekauft – und trotzdem weg?
Ende 2023 kündigte Sony an, bereits gekaufte Serien aus den Mediatheken seiner Kundschaft zu entfernen, weil eine Lizenz auslief. Erst nach einer neuen Vereinbarung blieben sie vorerst verfügbar[6].
Kaufen heißt oft: Lizenz
In Kalifornien müssen Händler digitaler Güter seit einem Gesetz von 2024 deutlich machen, wenn man nur eine Nutzungslizenz erwirbt und kein Eigentum[7].
Gegenbewegung: Reparieren
Die EU hat 2024 ein Recht auf Reparatur beschlossen, der Bundestag die Umsetzung im Juni 2026. Hersteller sollen bestimmte Geräte auch nach der Gewährleistung reparieren müssen[8].
Das heißt nicht, dass Mieten oder Abos schlecht sind. Oft sind sie praktisch und sparen Ressourcen. Aber es macht einen Unterschied, ob ein Ding von wenigen großen Anbietern zu ihren Bedingungen bereitgestellt wird – oder ob die Menschen vor Ort es selbst besitzen und miteinander teilen.
Drei Wege, an Dinge zu kommen
Tipp auf einen Weg und vergleich selbst.
- Wem gehört das Ding?
- Dir – mit allen Vor- und Nachteilen.
- Wie oft wird es genutzt?
- Oft nur ein paar Mal im Jahr. Den Rest der Zeit steht es im Keller.
- Wer entscheidet?
- Du allein.
- Was bleibt im Ort?
- Ein voller Keller in jedem Haus – und jede Familie kauft dasselbe noch einmal.
Eigentum gibt Freiheit. Aber wenn jede Familie alles selbst besitzt, steht vieles nur herum.
- Wem gehört das Ding?
- Dem Unternehmen. Du bezahlst für den Zugang, solange du zahlst.
- Wie oft wird es genutzt?
- Häufiger – das ist der gute Teil daran.
- Wer entscheidet?
- Das Unternehmen: über Preise, Bedingungen und darüber, was angeboten wird und was nicht mehr.
- Was bleibt im Ort?
- Wenig. Das Geld fließt ab, die Beziehung bleibt eine zwischen dir und einem Konto.
Praktisch, oft auch sinnvoll. Aber die Hebel liegen bei wenigen, nicht bei uns.
- Wem gehört das Ding?
- Weiterhin dir – oder deiner Nachbarin, deinem Verein.
- Wie oft wird es genutzt?
- So oft, wie es gebraucht wird. Ein Ding, viele Hände.
- Wer entscheidet?
- Die Menschen, denen es gehört: ob, an wen und zu welchem Preis.
- Was bleibt im Ort?
- Das Geld, das Vertrauen, die Begegnungen. Und ein Keller, der wieder Luft hat.
Eigentum bleibt bei den Menschen – und wird trotzdem geteilt. Genau dafür gibt es dinge-leihen.de.
Teilen ohne Mittelsmann, der alles besitzt
Dass Gemeinschaften Dinge gut gemeinsam verwalten können, ist keine Träumerei. Die Ökonomin Elinor Ostrom bekam 2009 den Wirtschaftsnobelpreis dafür, dass sie gezeigt hat, wie Menschen gemeinsame Güter – Wälder, Weiden, Wasser – mit eigenen Regeln erfolgreich selbst organisieren[9]. Im Kleinen passiert das längst: in Leihläden wie Leila in Berlin oder in der „Bibliothek der Dinge“ in Hannovers Stadtteilbibliotheken[10].
dinge-leihen.de bringt diese Idee in die Nachbarschaft – ohne Ladenlokal, ohne Lager, ohne dass irgendwer alles besitzen muss:
- 1
Die Dinge bleiben bei euch
dinge-leihen.de besitzt keinen einzigen Akkuschrauber. Jedes Ding gehört einem Menschen oder Verein aus der Gegend – und bleibt das auch.
- 2
Ihr entscheidet
Ob du verleihst, an wen, wann und zu welchem Preis – das legst du fest. Jede Ausleihe beginnt als Anfrage, die du annehmen oder ablehnen kannst.
- 3
Das Geld bleibt im Ort
Die Leihgebühr geht an die Menschen, denen das Ding gehört. Die Plattform soll sich später über eine kleine Vermittlungsgebühr tragen – in der Testphase läuft gar kein Geld über uns.
- 4
Wir vermitteln nur
dinge-leihen.de ist der Marktplatz, nicht der Vermieter. Wir bringen zusammen, wer etwas hat und wer etwas braucht – den Rest macht ihr.
Eine ehrliche Randnotiz
Vielleicht kennst du die Zahl, dass eine Bohrmaschine im ganzen Leben nur 13 Minuten läuft. Sie wird oft zitiert, auch von Sharing-Plattformen. Belegt ist sie aber nicht: Sie geht auf eine grobe Schätzung ohne Quelle zurück, die immer weitererzählt wurde[11].
Wir brauchen sie auch nicht. Jeder, der einmal in den eigenen Keller geschaut hat, weiß, wie viel dort selten gebraucht wird.
Warum ich daran arbeite
Hallo, ich bin Erik.
Ich kenne das selbst: Man kauft etwas für ein einziges Projekt, benutzt es einmal – und danach steht es jahrelang im Keller. Und umgekehrt sucht man etwas für ein Wochenende und findet niemanden, der es einem leiht. Obwohl es garantiert irgendwo in der Nachbarschaft herumsteht.
Das hat mich lange geärgert. Nicht nur wegen des Geldes, sondern weil so viel produziert, gekauft und am Ende weggeworfen wird, das eigentlich nur ab und zu gebraucht würde.
Vor allem aber habe ich selbst gemerkt, wie wertvoll Gemeinschaft und Zusammenhalt sind. Wie schön es ist, wenn Menschen sich gegenseitig helfen – und wie wenig es dafür oft braucht. Eine Leiter über den Gartenzaun. Ein Anhänger für den Umzug. Ein „Klar, nimm ruhig“.
dinge-leihen.de ist mein Versuch, genau das wieder leichter zu machen. Ich baue es allein, nebenbei, und fange bewusst klein an: in meinem eigenen Ort, mit Freunden und Nachbarn, in Minden und Umgebung. Ich glaube nicht, dass uns in Zukunft nichts mehr gehören muss. Ich glaube, dass wir viel mehr miteinander teilen können, wenn die Dinge bei uns bleiben.
Wenn du das auch so siehst: Mach mit, erzähl es weiter oder schreib mir an hallo@dinge-leihen.de.
Erik
Teilen fängt nebenan an.
Leih dir, was du brauchst. Verleih, was du hast.
- Ida Auken: „Welcome To 2030: I Own Nothing, Have No Privacy And Life Has Never Been Better“, Blogbeitrag für das Weltwirtschaftsforum, November 2016 (Repost bei Forbes).
- Logically Facts: Faktencheck mit Aukens späterer Anmerkung zu ihrem Text.
- Correctiv: Nein, Klaus Schwab sagte nicht, dass wir bald nichts besitzen und darüber glücklich sein würden (26.06.2023).
- Full Fact: The Great Reset conspiracy theory (14.04.2022).
- Drive.com.au: BMW beendet das Sitzheizungs-Abo (12.09.2023); Preise laut Mobiflip (12.07.2022).
- NME: PlayStation will gekaufte Discovery-Inhalte entfernen (04.12.2023); Rücknahme laut Thurrott (22.12.2023).
- Morgan Lewis: Kaliforniens Gesetz AB 2426 zu digitalen Gütern (Oktober 2024).
- EUR-Lex: Richtlinie (EU) 2024/1799 zur Förderung der Reparatur von Waren; Deutscher Bundestag: Beschluss zum Recht auf Reparatur (25.06.2026).
- Nobelprize.org: Wirtschaftsnobelpreis 2009 für Elinor Ostrom.
- Leila Berlin: Geschichte und Vision; Landeshauptstadt Hannover: Bibliothek der Dinge.
- Nicholas Carr: The myth of the idle drill (16.09.2015).